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Bericht des Aerokuriers

High - Tech - Startmaschine

Zuverlässig sollte sie sein und zugleich automatisch geregelte Starts ermöglichen. Das waren die Anforderungen der Aukruger an ihre neue Startwinde, die sie im preiswerten Eigenbau erstellen wollten.

Das Meisterstück ist den Aukrugern gelungen. Seit Beginn Saison 2000 steht die neue Startwinde auf "dem schönsten Segelfluggelände in Schleswig - Holstein", so ihr Erbauer Sietze Land im Einsatz. An den Windenfahrer stellt das Startgerät so gut wie keine Anforderungen. Er wählt nur noch das Segelflugzeugmuster und die Gegenwindkomponente vor, alles andere kann "digital" erfolgen: der Leistungshebel wird nach dem "Seil-straf!" - Kommando einfach nach vorn geschoben. Mit konstantem Seilzug befördert die Winde - automatisch ausgesteuert - das Segelflugzeug an den Himmel. Der Segelflieger kann, so wie die Theorie vorsieht den Windenstart durch Ziehen beziehungsweise Drücken steuern.
Verwirklicht haben die Aukruger Ihre Wunschwinde mit einem Diesel Hydraulik - Mix. Ein 320 PS starker Lkw - Diesel generiert in dem Hybridantrieb im optimalen Betriebsbereich (1800 Umdrehungen pro Minute) die erforderliche Leistung. Über eine Hydraulik - eine direkt angeflanschte große Pumpe und Hydraulikmotor erfolgt die Kraftübertragung zu den Seiltrommeln. Der Umweg über die Hydraulik bietet viele Vorteile. So schafft der hydrostatische Antrieb ein drehzahlunabhängiges Drehmoment. Die Drehzahl der Seiltrommeln ist stufenlos regelbar, und das wird über eine entsprechende Elektronik genutzt.
Ideen und Vorbilder für die automatische Steuerung des Windenstarts hatte Sietze Land, an dem im Wesentlichen die praktische Umsetzung hing, in Dänemark aufgetan. In Herning wird eine entsprechend geregelte Elektro - Diesel - Winde "Elvira" betrieben. Hier erhielt er auch den Hinweis auf Diplomarbeiten, die an der Technischen Hochschulen Odense zur Auslegung einer automatischen Steuerung einer Diesel - Hydraulik - Winde angefertigt wurden. Diese Arbeiten bildeten schließlich die Basis für die Aukruger - Winde.
Anderes fügte sich ganz glücklich: So sitzt mit Sauer - Danfoss ein namenhafter Hersteller von hydrostatischen Antrieben gleich in unmittelbarer Nachbarschaft, in Neumünster.
Über Mitglied Hans - Peter Rohwer bestand und besteht Verbindung zur Firma. Pumpe und Motor gab es damit zum Vorzugspreis. Das Projekt interessierte dort auch die Ingenieure, die mit ihrem Know - how und Berechnungen wichtiger Systemkomponenten weiterhalfen. Die Lehrwerkstatt half bei Sonderanfertigungen.

Ziel: Viel Leistung für wenig Geld
Ein wesentliches Kriterium der Aukruger war ja, die neue Startwinde möglichst preiswert zu erstellen. Dafür ließ Sietze Land keine Möglichkeit aus. Die Träger für die Aufbauten stammen allesamt aus Verschnitt von Stahlbaufirmen und haben die Kasse nicht belastet. Der Dieseltank entstand aus drei Bierfässern. Eine ausgediente Waschmaschinentrommel fand einen neuen Verwendungszweck als Luftvorfiltergehäuse für den Turbo des Diesels. Die großen Scheibenbremsen der Seiltrommeln haben ursprünglich einmal bei einer dänischen Windmühle für Verzögerung gesorgt. Das Bremssystem wiederum stammt aus einem Serienauto.
Für die Fahrerkabine musste die Firma Claas "dran glauben". Mit seinen Gießereien, Zulieferer von Sauer - Danfoss, steuerte die Firma aus seinem Mähdrescherwerk eine Kanzel bei. Für den Einsatz als Führerstand einer Winde musste sie zwar noch modifiziert werden, bietet jetzt aber den Windenfahren in Aukrug ein modernes Cockpit. Große Glasflächen garantieren ausgezeichnete Sicht. Viele Lüftungsmöglichkeiten und ein Gebläse sorgen für ein moderates Klima.
Aus der Landwirtschaft stammt auch das Fahrgestell der Winde, ein ausgedienter russischer Futterwagen. Mit seiner Lenkachse (wie beim Pkw) erwies er sich als geradezu ideal. Sietze Land: "Übliche Anhänger mit Drehschemel sind zu kipplig als Windenuntersatz. " Aus einen Lkw hat man von vornherein verzichtet. Denn für die Pflege des über 1000 m langen, im Naturschutzgebiet gelegenen Platzes verfügt der Club ohnedies über einen Traktor, der als Zugmaschine genutzt werden kann.
Im Windenbau fand der gerade pensionierte Sietze Land eine neue Vollzeitstelle und mehr. Seine Frau Irma: "Zwischen Frühstück und Mittagessen, am Nachmittag und selbst am Abend steckte Sietze für zweieinhalb Jahre im Keller." Im Untergeschoss des Einfamilienhauses, in dem neben Auto, Segelflugzeuganhänger und Werkstatt sich die Ehefrau bescheiden mit einem Regal für Eingemachtes begnügt, entstand Stück für Stück die neue Startwinde.
Wegen der geringen Höhe der Kellergarage allerdings nicht auf dem fahrbaren Untersatz. Als Geburtshelfer musste deshalb am Ende ein Kranwagen eingesetzt werden, der die Winde ins Freie hievte.
Angelegt ist die neue Winde gleichwohl in reparatur- beziehungsweise wartungsfreundlicher Modulbauweise. Wichtige Elemente wie der Dieselmotor oder die Seiltrommeleinheiten könne als Bausteine dem Gesamtaufbau ohne großen Aufwand entnommen werden.
Die ersten Starts wurden noch manuell geregelt. "Das ist bei einer hydraulischen Winde sehr schwierig", erläutert Sietze Land. Die Einstellung der elektronischen Steuerung besorgte dann Vereinskamerad Volker Nötzold. Die Elektronik verlangt vom Windenfahrer nur noch die Voreinstellung von Flugzeugtyp, im Wesentlichen geht hier das Gewicht ein, und Gegenwind. Zehn unterschiedliche Muster, die eine große Palette ähnlicher Typen abdecken, sind erfasst. Die Werte gehen an ein externes elektrohydraulisches Proportionalventil (Nullhubdruckregler), das letztlich von der Elektronik geregelt über den gesamten Start für konstanten Seilzug sorgt. Die Steuerung der kritischen Anfangsphase bis zu den rund 50 m Sicherheitshöhe erfolgt über die Trommelgeschwindigkeit danach greift die Druckregelung.
Der Seileinzug nach dem Ausklinken erfolgt per Handsteuerung. "Hierbei", so Dag Pauschardt, der zum aerokurier - Besuch gerade auf der Winde saß, " kann man sich nicht wie bei einer üblichen Winde aufs Motorengeräusch stützen. Da muss man schon nach Seilschirm und Seil schauen." Nicht automatisiert wurde auch das Seilausziehen. Hier hat der Windenfahrer wie üblich die Trommeln leicht abzubremsen. Drei Bremshebel stehen ihm zur Verfügung. Damit könne die zwei Trommeln einzeln beziehungsweise gemeinsam gebremst werden.

Mit pfiffigen Ideen kontra Bedienfehler
Wo's drauf ankommt, haben die Aukruger mit vielen pfiffigen Ideen Fehlbedienungen ausgeschlossen. So gibt es zwar nur einen Hydraulikmotor für beide Seiltrommeln, aber umständliches Einrasten der Seiltrommeln entfällt. Jede Trommel muss über einen eigenen "Zündschalter" scharf gemacht werden, es muss ein Schlüssel gesteckt und betätigt werden. So werden gezielt die elektromagnetischen Zahnkupplungen zwischen Hydraulikmotor/mechanischem Verteilergetriebe - eine Sonderanfertigung von Sauer - Danfoss mit einem Untersetzungsverhältnis von 1 zu 1,7 - angesprochen.
Sollte es zu Fehlfunktionen in der einzelnen Systemen kommen, weisen große Warnlampen auf der Instrumententafel augenblicklich darauf hin, so dass der Windenfahrer angemessen reagieren kann.

Seilrisse kommen in Aukrug (fast) nicht mehr vor
Zur Schonung der Seile und Azimutrollen wurden die Ausleger, mit denen die Seile am Windenaufbau vorbeigeführt werden, um rund 27 Grad nach oben angestellt. Der Seileinlauf erfolgt damit nie unter größeren Knickwinkeln. Die Hydraulische Spulvorrichtung sitzt in der Ebene der Azimutrollen und wirkt gleich für beide Trommeln. Die Kappmesser - gleich hinter dem Seileinlauf angeordnet werden über Federkräfte betätigt und mechanisch ausgelöst.
"Seilrisse", erklärt Sietze Land, "kommen nicht mehr vor." Hans - Peter Rohwer ergänzt: "Und Sollbruchstellen reißen nur noch in Extremfällen."
Das Konzept der automatisch geregelten Hydraulikwinde der Aukruger ist aufgegangen. Dank sehr viel Eigenleistung, Organisationstalent in der Beschaffung vieler ausgemusterter, aber noch gut verwendbarer Komponenten und günstiger Preise für zwangsweise zu kaufende Neuteile, ist die High-Tech-Winde vom Kostenaufwand günstig ausgefallen. So wurde auf einen gebrauchten Scania - Lkw - Diesel zurückgegriffen, wobei alle Anbauteile (Kühlung, ...) in Eigenregie in Abstimmung auf den Einbau in eine "stationäre" Winde gefertigt wurden. Die Seiltrommeln wurden in Eigenleistung gefertigt. Sehr hilfreich erwies sich bei der Hydraulikverrohrung und dem Pressen der Hochdruckschläuche die Unterstützung durch die Firma Feldmann, einer Weiteren Partnerfirma von Sauer - Danfoss. Am Ende sind aber immer noch rund 70.000 DM zusammengekommen.
Im Betrieb schlägt jeder Start mit rund einem Liter Diesel zu Buche. Dag Pauschardt: "Bei uns wird der Motor im normalen Startbetrieb nicht abgestellt, dadurch ergibt sich ein geringfügig höherer Verbrauch." Sietze Land : "Ständiges Neustarten des Diesels würde in kurzen Abständen neue Anlasser notwendig machen. Das wäre teurer."
"Das Hydrauliköl (50l) müssen wir wahrscheinlich alle zwei Jahre erneuern", erklärt Hans - Peter Rohwer. Bei jedem Startvorgang werden rund 300 Liter umgepumpt.
Dafür geht es in Aukrug bei rund 1000 m ausgelegtem Seil mit Einsitzern bis auf 500 m und mit Doppelsitzern bis auf 450 m Höhe. Und: An den Windenfahrer werden keine besonderen Anforderungen gestellt. Das es hier nicht darauf ankommt, dass die Winde "mit Gefühl" gefahren wird, gerät jeder Start zum Optimum. Wo die Winde die einzige Möglichkeit bietet in die Luft zu kommen, ist das ein riesiger Vorteil. Schließlich geht's den Aukrugern, im Land zwischen den Meeren, nicht bloß um Platzrunden. Was von Schleswig - Holstein aus möglich ist bewies Dag Pauschardt erst am Mittwoch vor Himmelfahrt mit einem 650er mit einer DG-300!
Interessierten an der Diesel - Hydraulik - Winde wollen die Aukruger mit Tipps und Informationen gerne Weiterhelfen. Kontakt: Siezte Land, Telefon: 04873 / 9264

Gerhard Marzinzik
Aerokurier

Termine:

Presse: 08.12.2020
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