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1990-1999

10.05.1997  Wochenendmagazin Neumünster Zurück zur Übersicht

Freizeitspaß im Aufwind

VON BURKHARD KITZELMANN

 

Wenn sich am sonnigen Mittagshimmel Quellwolken bilden und Bussarde majestätisch ihre Kreise ziehen, dann hält Björn Pauschardt nichts mehr auf dem Boden. Denn dieses Schauspiel ist für den begeisterten Segelflieger ein untrügliches Indiz für bestes Flugwetter. Die Aufwinde (Thermik) tragen das 380 Kilogramm leichte Flugzeug des 27jährigen Studenten wie von Geisterhand in eine Höhe von 1000 bis 2000 Metern und bescheren dem Piloten ein „unbeschreibliches Glücksgefühl": Freiheit und Abenteuer im Einklang mit der Natur.

Björn Pauschardt, der sich schon als kleiner Junge danach sehnte, die Welt von oben zu betrachten, machte vor zwölf Jahren seinen Traum wahr. Er wurde Mitglied im Verein „Segelflug Aukrug" und erwarb nach intensiver theoretischer und praktischer Schulung die „Lizenz zum Abheben". Mittlerweile ist er einer der besten Flieger des Clubs und dessen 1. Vorsitzender.

Der Verein mit seinen rund 50 Mitgliedern wurde 1973 gegründet und ist, entgegen eines sich hartnäckig haltenden Vorurteils, alles andere als eine elitäre Clique. Jeder hat die gleichen Rechte und Pflichten - egal, ob Lehrling, Angestellter oder Akademiker.

Auch von den Kosten her läßt sich das Vorurteil „elitär" nicht halten. Wie Kassenwart Jürgen Prade (47) erläutert, zahlen erwachsene Vereinsmit-glieder monatlich 75 Mark, Jugendliche und Azubis 50 Mark. In diesem Beitrag sind jährlich 48 Starts mit vereinseigenen Segelflugzeugen enthalten. Den uralten Menschheitstraum, wie ein Adler durch die Luft zu schweben, kann man sich also schon für weniger als 1000 Mark im Jahr verwirklichen.

Wer hoch hinaus will, darf nicht mehr als 100 Kilogramm wiegen und benötigt eine flugärztliche Unbedenklichkeitsbescheinigung. Nachdem diese Hürde genommen ist, stehen die ehrenamtlichen Fluglehrer des Aukruger Vereins für eine kostenlose Ausbildung zur Verfügung.

Der Erwerb des sogenannten Luftfahrscheins dauert nach Auskunft von Björn Pauschardt zwei bis drei Jahre; mit der Ausbildung kann ab dem 14. Lebensjahr begonnen werden, wobei der Schein frühestens nach dem 17. Geburtstag ausgehändigt wird. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie zum Beispiel Luftrecht, Wetterkunde, Technik, Navigation und Verhalten in besonderen Fällen. Die praktische Ausbildung erfolgt in einem doppelsitzigen Segelflugzeug und umfaßt 60 bis 80 Starts und Landungen.

Der erste Höhepunkt des Flugschülers ist die A-Prüfung - der erste Alleinflug. Ist alles glattgegangen, gibt's einen Klaps auf den Allerwertesten und abends einen Umtrunk mit den Vereinskameraden. Den ersehnten Flugfahrschein erhält der Aspirant allerdings erst, wenn auch die B- und C-Prüfungen mit Bravour gemeistert wurden.

Doch der Aufwand lohnt sich. Einer der es wissen muß, ist Torsten Bebensee. Der 20jährige Auszubildende stieß im Mai '96 zur Segelfliegerei und absolvierte im Herbst seinen ersten Alleinflug: „Ein unbeschreibliches Gefühl."

Flugschülerin Heike Konow (15) dagegen wollte erst gar nicht einsteigen, als ihr Vater sie zum ersten Mal auf den Flugplatz mitnahm. Doch irgendwann hat die Schülerin „Blut geleckt": „Segelfliegen ist echt geil." Kassenwart Jürgen drückt sich etwas vornehmer aus: „Ein Hobby, das süchtig macht."

Doch darf einem diese „Sucht" natürlich nicht zu Kopf steigen. Zum Segelfliegen gehören eine ordentliche Portion Disziplin und Sicherheitsbewußtsein, „Rambos" haben in der Luft nichts zu suchen. Die Flugzeuge - sechs vereinseigene hat der Verein in seinem Hangar stehen - werden regelmäßig auf Herz und Nieren geprüft, vor jedem Start erfolgt ein gründlicher Check, und zur Standardausrüstung des Piloten und seiner Fluggäste gehört selbstverständlich ein Fallschirm.

In der Luft muß der Segelflieger peinlich genau die Sperrzonen - zum Beispiel über Militärflughäfen - beachten und darf keinesfalls in Wolken hineinfliegen. „Das ist, ebenso wie Alkohol am Knüppel, lebensgefährlicher Leichtsinn", warnt Björn Pauschardt.

Angeschleppt werden die Segelflieger in Aukrug nicht, wie vielfach üblich, von einem Motorflugzeug, sondern von einer Winde, die von einem 260 PS starken Triebwerk gezogen wird. Das 1000 Meter lange Stahlseil zieht das Segelflugzeug, ähnlich wie beim Drachenfliegen, auf 300 bis 400 Meter Höhe, wo es dann vom Flugzeugführer ausgeklinkt wird und, gebremst von einem ehemaligen Starfighter-Bremsfallschirm, relativ sanft auf die Erde zurückfällt.

Während unten bereits hektisch der nächste Start vorbereitet wird, ist der Pilot mit sich und der weit unter ihm liegenden Welt zufrieden. Beinahe lautlos gleitet er mit 80 bis 250 Stundenkilometern durch die Lüfte und spürt ein sanftes Kribbeln, wenn er von einem Aufwind, auch Bart genannt, immer höher und weiter getragen wird.

Otto Lilienthal sei Dank, daß er vor 100 Jahren einen uralten Menscheitstraum wahr werden ließ.

 

Wußten Sie schon...

... daß Segelfliegen ein Leistungssport Ist? Die Deutsche Meisterschaft im Segel-Streckenfliegen ist der größte Segelflugwettbewerb der Welt.

... daß sich Segelflugzeuge bis zu neun Stunden in der Luft halten können? Der Rekord beim Verein „Segelflug Aukrug" liegt bei einem Streckenflug von 620 Kilometern.

... daß das Segelflugzeug eines der umweltfreundlichsten „Verkehrsmittel" ist? Pro Flug wird nur ein Liter Treibstoff verbraucht - für die motorbetriebene Seilwinde beim Anschleppen.

... daß ein einfaches Segelflugzeug mit 50000 Mark etwa so teuer ist wie ein Pkw der Oberklasse? Gut zu wissen, daß man bei „Segelflug Aukrug" mit vereinseigenen Flugzeugen segeln kann.

... daß es beim Segelfliegen keine Notlandungen gibt? Landungen außerhalb des Flugplatzes, z.B. auf Äckern, heißen Außenlandungen. Gegen eventuelle Flurschäden sind die Piloten versichert.

... daß das Segelfliegen auf die Zeit von Mitte März bis Ende Oktober begrenzt Ist? Im Winterhalbjahr werden die Flugzeuge gewartet und gegebenenfalls repariert. (ki)

 

„Schnupperflug" für nur 20 Mark

Gäste sind auf dem Flugplatz des Vereins „Segelflug Aukrug" jederzeit willkommen! Gutes Wetter vorausgesetzt bieten die erfahrenen Piloten am Wochenende Rundflüge an. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Zehnminütige Schnupper-Segelflüge kosten 20 Mark jede weiteren zehn Minuten fünf Mark.

Aber Vorsicht: Wer einmal aus einem Segelflieger die Welt von oben betrachtet hat, kommt vielleicht nicht mehr davon los. In diesem Fall ist eine Mitgliedschaft im Verein „Segelflug Aukrug" empfehlenswert; nähere Auskünfte erteilt der 1. Vorsitzende Björn Pauschardt unter (040) 6518709.

Termine:
1. Juni: Schülerfliegen
Björn Pauschardt kommt mit einer Schulklasse der Theodor-Storm-Schule aus Husum. Sie werden vormittags auf dem ...
10. Juni: Flugtag für ehemalige und passive Mitglieder
Wir wollen allen ehemaligen Segelfliegerinnen und Segelfliegern sowie allen fördernden Mitgliedern in Erinnerung rufen, ...

Presse: 16.05.2012
Segler sausen durch die Lüfte
Aukruger Piloten diesmal ganz vorn und rekordverdächtig schnell